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Soziale Kompetenzen im Audit – Weil es immer um Menschen geht

Branchen-Expertin Andrea Kruck im Interview
Ina Westphal · 24. März 2026

Technisches Wissen ist im Audit nur die halbe Miete. Im Interview erklärt die langjährige Auditorin und Trainerin Andrea Kruck, warum überfachliche Qualifikationen wie soziale Kompetenzen in der Auditor-Ausbildung bisher zu kurz kommen. Sie macht Mut zu mehr Vielfalt im Team und zeigt, warum Berufserfahrung als Auditor:in das ideale Sprungbrett für künftige Führungskräfte ist.

Frau Kruck, Sie sind seit vielen Jahren in der TIC-Branche, waren als Trainerin tätig und sind selbst Auditorin. Wie haben sich denn die Anforderungen an diese Arbeit verändert?

Die Anforderungen an Managementsysteme sind über die Jahre sehr viel stärker auf wirksame Führungsprozesse ausgerichtet. Das ist vor allem für interne Auditoren eine Herausforderung. Manch eine Führungskraft lässt sich gerade von internen Auditoren, die in der Hierarchieebene „unter“ ihnen sind, nicht gern in die Karten schauen.

Zudem sind Führungskräfte eine Zielgruppe, die normalerweise die Fragen stellt und Antworten bekommt. In der Audit-Situation ist es aber komplett umgedreht: Der Auditor stellt die Fragen. Man muss aufpassen, dass Führungskräfte nicht unbewusst die Gesprächssituation umkehren. Das haben viele nicht auf dem Schirm.

Welchen Urteilen oder Vorurteilen gegenüber 3rd party-Auditoren sind Sie im Laufe der Jahre begegnet?

Vorurteile gegenüber Auditoren sind nach meiner Erfahrung oft mit der Geringschätzung von Audits als „lästiges Übel“ verknüpft. Sprüche wie: „Sie haben es gut: den ganzen Tag komische Fragen stellen und Kaffee trinken möchte ich auch“, darf man als Auditor gelassen nehmen.

Ein anderes Vorurteil: Sie kommen in ein Unternehmen und die Dame am Empfang begrüßt Sie mit den Worten: „Ach, Sie sind die Prüferin!“ Da gehen alle Gesichtszüge runter, der Geschäftsführer steht schon auf Krawall gebürstet vor Ihnen. Das speist sich manchmal aus Erfahrungen vorheriger Audits, wenn Auditoren doch zu „oberlehrerhaft“ gewesen sind. Dazu kommt das Vorurteil, Auditoren könnten nicht unabhängig sein, weil sie vom Unternehmen bezahlt werden.

Um es positiv auszudrücken: Wenn man wertschätzend unterwegs ist, Bestätigung gibt für das, was gut läuft, und diese Aha-Effekte erzeugt, dann werden Auditoren als Experten angesehen und sind gern gesehen.

Wenn man sich den Seminarmarkt anschaut, findet man kaum Ausbildungen im Bereich überfachliche Kompetenzen. Warum ist das so?

Die Anforderungen an Auditierende sind in der ISO 19011 und der ISO 17021 beschrieben. Dazu gehören technische Kenntnisse und Kenntnisse der Auditmethodik. Darüber hinaus sollen Auditoren auch über bestimmte Persönlichkeitsmerkmale verfügen, zum Beispiel Integrität und Durchsetzungsvermögen.

Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt jedoch auf Normenkenntnis und Akkreditierungsregeln. Die „persönliche“ Eignung kommt leider manchmal erst beim „Tun“ ans Licht. Bei der Auswahl potenzieller Teilnehmer stehen oft technische Kompetenzen oder das Alter als vermeintlicher Indikator für »Standing« im Fokus.

Und das greift zu kurz?

Die Überfachlichkeit bei Sozialkompetenzen wird aus meiner Sicht unterschätzt – etwa bei der Gesprächsführung, im Konfliktmanagement, der nonverbalen Kommunikation oder der Wahrnehmung. Angenommen, der Auditor stellt eine Frage: Es kann sein, er muss dem Gegenüber die Informationen „aus der Nase ziehen“ oder aus einem halbstündigen Referat die relevanten Punkte herausfiltern. Die Erkenntnis, dass unzureichende überfachliche Skills eben auch zu Messfehlern führen können, muss sich erst noch durchsetzen.

Das stellt hohe Anforderungen an die agierenden Personen.

Stimmt. Die Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht, dass ein Auditor Selbstreflexion braucht – also Methoden und Strategien, wie man während des Audits weiß, wo man im Prozess steht, wie die Grundstimmung ist und wie nah man an den Auditzielen ist. Das sind Qualitäten, die man auch als Führungskraft braucht. Viel hängt von der inneren Haltung des Auditors ab.

In der Arbeitssituation sind Auditoren jedoch meist Einzelkämpfer. Macht es das schwieriger?

Es gibt während des Audits wenig Möglichkeiten, sich kollegial auszutauschen. Selbst bei größeren Audits auditiert jeder seinen Teil. Als leitende Auditorin habe ich es gern so gehalten, dass Blickwechsel möglich sind. Wenn die Stärke der einen das Operative ist, des anderen das Strategische, ergänzt sich das hervorragend. Es ist wirklich nicht einfach, ohne Vorurteile, mit einer inneren Haltung der Wertschätzung und mit immer frischem Blick an die nächste Aufgabe ranzugehen. Aber man kann das lernen.

In der Branche sind weiterhin zu wenig Frauen unterwegs. Woran liegt das und sehen Sie Bewegung?

Die TIC-Branche insgesamt ist relativ konservativ und die Strukturen passen eher zu Männern. Ich glaube, viele Frauen trauen sich das nicht zu. Dabei bin ich überzeugt, dass viele Frauen „anders“ auditieren – sehr viel wertschätzender.

Ich sehe hier auch Veränderung, der Anteil an Frauen nimmt gefühlt zu. In Trainings wirkten Frauen auf mich oft zurückhaltender. Wenn es dann aber in den Rollenspielen zur Sache ging, war ich von der Auditqualität überrascht. Gerade für die Auswahl von internen und Lieferanten-Auditoren kann ich Unternehmen nur empfehlen, unter den Frauen nach Kandidatinnen zu schauen. Soziale Kompetenzen lassen sich schwerer „aneignen“ als technisches Wissen.

Ein wichtiger Schritt wäre, dass überfachliche Skills ein stärkeres Kriterium für die Auswahl von Auditoren werden. Eine Auditoren-Ausbildung könnte ein Meilenstein bei der Personalentwicklung von Nachwuchsführungskräften sein. Werden soziale Kompetenzen dabei berücksichtigt, hat der Kandidat alles, was es braucht, um später auch eine gute Führungskraft zu sein.

Über Andrea Kruck

Andrea Kruck ist Ingenieurin und arbeitete viele Jahre in der Automobil-, Schienenfahrzeug- und Kunststoffverarbeitenden Industrie, u.a. als QEHS-Leiterin. Sie ist leitende Auditorin für die Normen ISO 9001, 14001, 45001, 50001 sowie Trainerin bei Prüfdienstleistern.

  • Position Akademieleiterin, Trainerin und Auditorin für Managementsysteme
  • Fokus Fach- und Führungskräfte in der TIC-Industrie (Managementsysteme, Industrie-Services)
  • Expertise Fach- & Methodentrainings für Managementsysteme, Coaching von Auditor:innen in Hinblick auf methodische und überfachliche Kompetenzen
  • Kontakt LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/andrea-kruck-tuvaustria/

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