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Von der lästigen Pflicht zum strategischen Vorteil: Wie Betriebe Audits erfolgreich nutzen

Interview mit der Auditorin Andrea Kruck
Interview: Ina Westphal · 6. Oktober 2025

Zertifizierungsaudits gelten im Betrieb oft als lästige Pflichtübung oder bürokratische Last. Auditorin Andrea Kruck räumt im Interview mit gängigen Klischees auf. Sie erklärt, wie Unternehmen den Dialog auf Augenhöhe suchen und Audits gezielt für die eigene Weiterentwicklung nutzen können.

Frau Kruck, welchen Vorurteilen gegenüber 3rd-party-Auditoren sind Sie im Laufe der Jahre begegnet?

(Vor)urteile gegenüber Auditoren sind nach meiner Erfahrung oft mit der Geringschätzung von Audits als „lästiges Übel“ verknüpft und richtet sich dann stellvertretend an die Auditoren. Sprüche wie: „Sie haben es gut: den ganzen Tag komische Fragen stellen und Kaffee trinken möchte ich auch“, darf man als Auditor gelassen nehmen. Dieser Ausspruch kam tatsächlich mal von einem Geschäftsführer, der dann aber wagemutig an einem Auditoren-Training teilgenommen hat und zugab „Auditieren ist ja wirklich anstrengend“.

Ein anderes Vorurteil: Sie kommen in ein Unternehmen und die Dame am Empfang begrüßt Sie mit den Worten: „Ach, Sie sind die Prüferin!“ Da gehen alle Gesichtszüge runter, der Geschäftsführer steht schon auf Krawall gebürstet vor Ihnen. Das speist sich manchmal aus Erfahrungen vorheriger Audits, wenn Auditoren doch zu „oberlehrerhaft“ gewesen sind. Dazu kommt das Vorurteil, Auditoren könnten nicht unabhängig sein, weil: Die werden ja von dem Unternehmen, das sie auditieren, bezahlt. Das ist eine schlimme Form der Diskreditierung.

Ich glaube, Auditoren werden manchmal geliebt und ganz oft aber auch geringgeschätzt. Um es positiv auszudrücken: Wenn man wertschätzend unterwegs ist, den Unternehmen auch Bestätigung gibt für das, was gut läuft, wenn man ihnen das Gefühl gibt, sie lernen etwas, diese Aha-Effekte erzeugen kann, dann sehen die einen als Experten an und dann ist man auch gern gesehen.

Zertifizierungsaudits werden oft weniger als Dienstleistung und Zugewinn betrachtet. Wie verhält es sich mit der Akzeptanz im Betrieb?

3rd-party-Audits sind Zertifizierungsaudits, mit denen Unternehmen die Zertifizierung erlangen können. Manchmal ist der Antreiber dafür der Kunde, der das fordert, um als Lieferant zugelassen zu werden. Ich bin aber auch auf eine Vielzahl von Unternehmen gestoßen, die Managementsysteme, deren Zertifizierung und Auditierung als Gewinn empfinden. Auch hier gibt es eine Verknüpfung zur erlebten Auditkultur. Auditierende, die „Defizite“ wertschätzend an den Mann und an die Frau bringen, tragen zu einer höheren Akzeptanz von Managementsystemen bei.

Gibt es bei Unternehmen ein neues Bewusstsein, dass Zertifizierung mehr ist als nur ein Zwang oder eine Marketingmaßnahme?

Managementsysteme haben immer darauf abgezielt, die Haftungsrisiken zu minimieren, die Zufriedenheit von Stakeholdern zu steigern – also Kunden, Mitarbeitenden, Geschäftspartnern – und für Effizienz und wirtschaftliche Abläufe zu sorgen. Managementsysteme werden aber aufgrund ihrer Geschichte als sehr bürokratisch empfunden. Und Auditoren stehen oft als Repräsentanten dieser Bürokratie.

Unternehmen, die diese Erfahrung mit Audits gemacht oder selbst ein überbürokratisiertes Managementsystem haben, sind froh, wenn sie – etwas augenzwinkernd gesagt – den Zettel an die Wand bekommen. Es gibt aber immer mehr Unternehmen, die sagen: Wir nutzen das als Möglichkeit, uns fortlaufend weiterzuentwickeln. Die haben verstanden, worum es geht. Also, die einen tragen Managementsysteme wie einen schweren Rucksack, und die anderen füllen diesen Rucksack mit so tollen und nützlichen Dingen, dass sie damit neue Wege gehen können.

Wie sollten Unternehmen mit dem Frust umgehen, wenn immer mehr Normen-Anforderungen hinzukommen?

Was viele Unternehmen vergessen: Die ISO-Managementsystem-Normen werden von der Wirtschaft für die Wirtschaft geschrieben. Manchmal wird der Frust darüber stellvertretend bei Auditoren abgeladen. Wir sind jedoch für die inhaltlichen Anforderungen gar nicht verantwortlich. Wenn ein mittelständisches Unternehmen neben dem Qualitätsmanagement noch Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Energiemanagement aufrechterhält, bringt das sicher einen Nutzen, ist aber auch zeit- und ressourcenintensiv. Ich höre immer häufiger, dass sich Unternehmen damit überfordert fühlen. Dennoch gilt: Wer das Audit nicht nur als Kontrolle, sondern als Chance zum Dialog nutzt, holt für den eigenen Betrieb den größten Mehrwert heraus.

Über Andrea Kruck

Andrea Kruck ist Ingenieurin und arbeitete viele Jahre in der Automobil-, Schienenfahrzeug- und Kunststoffverarbeitenden Industrie, u.a. als QEHS-Leiterin. Sie ist leitende Auditorin für die Normen ISO 9001, 14001, 45001, 50001 sowie Trainerin bei Prüfdienstleistern.

  • Position Akademieleiterin, Trainerin und Auditorin für Managementsysteme
  • Fokus Fach- und Führungskräfte in der TIC-Industrie (Managementsysteme, Industrie-Services)
  • Expertise Fach- & Methodentrainings für Managementsysteme, Coaching von Auditor:innen in Hinblick auf methodische und überfachliche Kompetenzen
  • Kontakt LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/andrea-kruck-tuvaustria/

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