Wie trainiere ich kritisches Denken?
Im Audit begegnen Ihnen oft riesige Datenmengen. Um Fehlinformationen zu filtern, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und Voreingenommenheit abzubauen, braucht es kritisches Denken. Dieser Beitrag zeigt auf, wie etwa Perspektivwechsel und sokratische Fragen dabei helfen, Managementsysteme sowie die eigene Rolle objektiv zu bewerten.
Auditor:innen stehen heute vor einer zentralen Anforderung: Sie müssen das, was sie im Einsatz sehen, hören und wahrnehmen, einer systematischen, kritischen Analyse unterziehen. Welche Risiken birgt das Vorgehen? Ist es wirksam? Ist es normenkonform?
Dabei treffen sie im Audit auf eine gewaltige Menge an Informationen. Dem menschlichen Gehirn fällt es unter Zeitdruck schwer, diese Eindrücke ungefiltert richtig einzuordnen. Genau deshalb ist die Fähigkeit zum kritischen Denken entscheidend, um Informationen objektiv zu bewerten.
Schnelles versus langsames Denken
Kritisches Denken umfasst die Fähigkeit, Informationen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie gezielt zu hinterfragen, zu bewerten und zu interpretieren. Die Psychologie unterscheidet hierbei zwei Denkmodi, die beide ihre Berechtigung haben:
Das schnelle Denken: Läuft automatisch ab und wird durch äußere Eindrücke oder Erfahrungswerte getriggert.
Das langsame Denken: Funktioniert bewusst, überlegt und reflektiert.
Das langsame Denken schützt Sie verlässlich vor Denkfallen und vorschnellen Urteilen. Es erfordert geistige Offenheit, um Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Vorurteile abzubauen und sich für neue Erkenntnisse zu öffnen.
Da Menschen dazu neigen, an ihren spontanen Eingebungen festzuhalten und zu glauben, sie hätten die Lage sofort durchschaut, sollten Auditor:innen nicht nur das zu auditierende System, sondern stets auch das eigene Handeln kritisch hinterfragen.
Kritisches Denken nutzt konkrete Werkzeuge wie den gezielten Perspektivenwechsel oder das sokratische Fragen. Sokratisches Fragen bedeutet, durch präzise Erkundung Quellen zu prüfen und Hintergründe aufzudecken – keinesfalls, ein Verhör zu führen:
„Warum funktioniert dieser Ablauf genau so?“ – hinterfragt die Logik, statt nur das Funktionieren zu dokumentieren.
„Was passiert, wenn dieser Schritt wegfällt?“ – testet die Resilienz des Prozesses im Gespräch.
„Wer ist an diesem Ablauf beteiligt, der heute nicht im Raum sitzt?“ – macht blinde Flecken sichtbar.
„Woher wissen Sie konkret, dass diese Maßnahme wirkt?“ – unterscheidet zwischen reiner Aktivität und tatsächlicher Wirksamkeit.
Woran Sie die Fähigkeit, kritisch zu denken bei sich erkennen
Auditor:innen mit gut entwickeltem kritischen Denken zeigen im Audit-Alltag diese Verhaltensmuster:
Sie recherchieren ausdauernd und sorgfältig nach Fakten, um Genauigkeit zu erreichen.
Sie bemerken relevante Details sowie blinde Flecken in Audit-Dokumenten.
Sie erkennen schnell, was in Aufzeichnungen nicht beschrieben steht oder wo Aussagen fehlen.
Sie hören geduldig zu, um die Argumente des Gegenübers in der Tiefe zu verstehen.
Sie identifizieren Zusammenhänge, Muster, Fehlschlüsse und Inkonsistenzen in Lösungsvorschlägen mühelos.
Die andere Seite: Wirkung kritischen Denkens auf andere
Doch bei aller kritischer Analyse ist wichtig, dass Auditoren sich ihrer Wirkung bewusst sind. Denn es gibt auch eine anstrengende Seite des kritischen Denkens. Nämlich hinter allem, jeder Information und jeder Reaktion etwas zu vermuten. Deshalb sollten sich Auditoren bewusst sein, dass ihre Sichtweise eine faire Analyse/Diskussion mit Auditierten beeinflussen kann. Kritisches Denken heißt auch immer, sich die Offenheit zu bewahren, Themen und ihre Ambiguitäten (Mehrdeutigkeiten) zu erkennen und anzunehmen. Insbesondere dann, wenn man sich beim kritischen Hinterfragen irgendwann auch einmal „verrannt hat.
Kritisches Denken heißt auch, sich eigene Fehler und Begrenzungen einzugestehen. Das hat auch mit Integrität und der eigenen Objektivität zu tun. Konkret bedeutet dies, z. B. bei der Diskussion um Audit-Abweichungen fair abzuwägen und ehrlich zu kommunizieren, wenn die Argumente der Auditierten die eigene Audit-Feststellung nicht unterstützen. Auch einmal zurückzutreten und Entscheidungen zu korrigieren, das gehört zum kritischen Denken.
Umgekehrt bedeutet kritisches Denken jedoch genauso, eine sachlich fundierte, belegbare Abweichung mutig und präzise zu vertreten – selbst wenn Widerstände auftreten.
Fazit: Die unterschätzte Lücke in der Auditorenausbildung
Klassische Auditorenausbildungen vermitteln Normenwissen, Auditmethoden und kommunikative Grundlagen. Die innere Haltung des Auditors bleibt dagegen oft ein blinder Fleck – obwohl sie das Auditergebnis mindestens genauso stark prägt.
Wer mit der Erwartung in ein Audit geht, eine Branche oder einen Betrieb bereits perfekt zu kennen, sieht nur das, was er ohnehin weiß. Wer hingegen mit echter Offenheit fragt und bereit ist, überrascht zu werden, entdeckt Managementsysteme in ihrer tatsächlichen Realität. Ein kompetenter Auditor urteilt kritisch, wertneutral und vorurteilsfrei.