Warum Normung als "gemeinsame Sprache" der Welt so unter Druck steht
Dies ist ein nachdenklicher Blick anlässlich des Weltnormentags (World Standards Day) am 14. Oktober. Normen machen die Welt einfacher, Produkte und Leistungen für alle nutzbar und sicherer. Sie sind eine gemeinsame Sprache über Grenzen hinweg. Das ist unsere Gewissheit. Doch Standards und Normen standen noch nie so unter Druck wie heute! Druck – sowohl auf die Normung als auch durch die Normung. Drei Beispiele, die das illustrieren.
1. In einer komplexen Welt suchen Unternehmen nach Vereinfachung und weniger "Bürokratie". Sie fühlen sich von der schieren Zahl an Normen (freiwillig, verpflichtend oder gesetzlich vorgeschrieben) schlicht überfordert.
Ein Beispiel aus Deutschland: Es gibt knapp 4.000 baurelevante Normen. Davon regeln allein 355 den mehrgeschossigen Wohnbau. Einer (!) der Gründe, warum Bauen in Deutschland zu teuer ist, warum Bauzeiten extrem lang sind. Und warum die Neubauziele in Deutschland 2024, 2025 und auch 2026 nicht erreicht werden.
2. Durch Normen waren politische Systeme bisher in der Lage, zusammenzuarbeiten und innovieren. Normen galten als unpolitisch, denn sie schufen Vertrauen in das, was produziert wird. Doch Normungsarbeit ist heute mehr denn je Weltpolitik.
Ein Beispiel: China investiert in wichtige Schlüsselpositionen von Normungsgremien und beeinflusst damit den Prozess der Normung stärker als uns allen bewusst ist. Die Zahl der ISO-Sekretariate, die China mittlerweile besetzt, ist um über 100 % gestiegen.
Europa war auf einem guten Weg, um nachhaltiger zu werden und den so wichtigen Klimazielen durch den Green Deal näher zu kommen. Gerade überfährt uns eilig und fast schon überstürzt ein Omnibus .
Ein Beispiel: Die Omnibusverordnung soll Bürokratie abbauen. Nun sorgt es bei Unternehmen für Wirrwarr und Planungsunsicherheit. Es weicht die Standards wieder auf und dringend nötige Investitionen in Nachhaltigkeit finden nicht statt. Statt eines einheitlichen Standards fragmentiert es die Normenlandschaft (z.B. durch einen weiteren Standard VSME) weiter.
Standards sind und bleiben enorm wichtig. Nur so können Produkte ungehindert über Ländergrenzen hinweg zirkulieren und internationale Wertschöpfungsketten funktionieren. Normen sind so etwas wie die „gemeinsame Sprache“ in Sachen Qualität und Sicherheit. Sie sorgen also für internationale Verständigung. Das ist bei aller Nachdenklichkeit auch sehr ermutigend.